THE QUEENS
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… über seine Berufsbezeichnung, demokratische Mode und Unternehmertum:
Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, ist meine Antwort: Ich bin ein Designer mit Enter­tainerqualitäten. Ich habe fünf Modeunternehmen. Und der Fernsehvertrag ist Kür und Freude gleichzeitig. Da kann ich den Menschen auch was beibringen. Denn ich glaube an die Kraft demokratischer Mode, nach der jeder greifen kann. Nicht elitär, sondern für alle zugänglich. Und wenn ich noch etwas bin, dann Unternehmer. Das ist eigentlich mein wahrer Beruf. Denn ich bin ja nicht nur Designer. Die meisten anderen Designer sind irgendwie fremd­bestimmt, sind angestellt oder haben Fremdinves­toren. Nur die wenigsten haben auch unterneh­merische Kraft. Wenn ich auf etwas richtig stolz bin, dann darauf, dass ich als Textilunternehmer zu 100 Prozent autonom bin, meine eigene Holding bin, dass ich alles selbst aufgebaut habe und niemals Fremdkapital brauchte. 

… seine Oma, die erste Nähmaschine und die erste Nähstube:
Wir haben alles im Osten verloren. Und meine Oma hat immer gesagt „Guido, hol es wieder zurück.“ Als ich mit neun Jahren meine Nähmaschine bekam, dachte ich: „Endlich ist ein Apparat da, mit dem ich´s machen kann.“ Und ich war scharf auf Menschen. Die Kombination hat dafür gesorgt, dass ich früh schon Aufträge hatte. Mit zwölf Jahren war ich scheinselbständig. Mein Vater hat dann, als ich 14 Jahre alt war, gesagt: „Guido, wir müssen dich anmelden. Wenn das Finanzamt das mitbekommt …“ Bei uns ging den ganzen Tag die Klingel. Erstmal zum Röckekürzen. Und dann habe ich alles Mög­liche gemacht: Westen, Kleider – das wurde immer mehr. Meine Eltern haben mir dann das Gartenhäuschen zur Verfügung gestellt. Vorne kam ein Pflock hin, und Papa hatte mir so ein schönes Schild ausgeschnitten, wo draufstand: „Guido´s kleine Nähstube“. So hatte ich die Chance, gleich Gas zu geben.

… über Profieltern, Freiheitsliebe und Mutterträume:
Meine Eltern sind wirklich Profi-Eltern. Ich glaube, die haben alles richtig gemacht, weil die bedingungslos lieben. Ich habe die toleranteste Mutter auf der Welt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich je von meinen Eltern gehört habe „Mach das nicht!“. Meine Eltern machen die Arme immer breit auf. Sie sind voller Nächstenliebe, Warmherzigkeit, Humor. Mein Vater hatte eine schwere Zeit als Kind im Krieg. Er weiß, wie wichtig es ist, frei zu sein. Und deshalb waren „Genieße die Freiheit“ und „Mach in deinem Leben, was du willst“ die Leitmotive in meiner Erziehung. Der Traum meiner Mutter war immer, dass ich Gynäkologe werde und mit einem weißen Mercedes 280 mit roten Ledersitzen durchs Dorf fahre. Und ein bisschen Gynäkologe bin ich ja auch geworden: Ich bin Frauenversteher und Frauen sehr nah. Ich mache sie nicht schwanger, aber ich mache sie glücklich. Ich habe vier Geschwister, die völlig anders ticken. Aber meine Eltern und meine Geschwister haben nie gesagt: „Was läuft denn da in deinem Leben…?!“ Für die war das völlig klar, dass ich einmal so lebe, wie ich lebe. Die wundern sich gar nicht. Es gibt Kinderbilder, da trinke ich meine Milch aus dem Sektglas. Ich fand es immer schön, wenn alles hübsch war. Wenn wir mit der Familie Abendbrot gegessen haben, hatte Guido eine Serviette, eine Kerze, eine kleine Blume und Besteck und Serviettenring.

… über Männermode, Mütter und die Zukunft der Welt:
Unternehmensmode mache ich für Männer wie für Frauen. Ich habe in meinen Leben sicher so viele Anzüge produziert wie Kleider. Aber mein Herz schlägt manchmal mehr in der Frauenwelt. Frauen, die befreit und gescheit sind, sind wunderbar. Man kann ihnen verfallen. Aber ich weiß, dass Männer mich genauso mögen. Überall, wo ich bin, kommen ja auch Männer an und sagen „Ach, ich hab Sie gerade erst im Fernsehen gesehen – mit meiner Frau zusammen.“ Vor ein paar Tagen kam ein Mann auf mich zu und sagte: „Herr Kretschmer, Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie und ich möchte mich bei Ihnen bedanken.“ „Wofür denn?“, habe ich geantwortet. Und dann sagt er: „Ich bedanke mich dafür, dass Sie frei und aufrichtig leben. Ich habe einen schwulen Sohn und meine Frau und ich hatten solche Probleme. Und seitdem Sie da sind, haben meine Frau und ich verstanden, dass wir viel falsch gemacht haben. Und ich möchte Ihnen dafür danken.“ In meiner Shopping-Queen-Sendung habe ich ja auch ein bisschen die Möglichkeit, die Zuschauer zu trainieren. Da sage ich denen auch lieb: „Passt auf, seid frei.“ Dafür sind Frauen natürlich die besten Transporteure, denn sie sind meist die Sozialisierer in den Familien. Männer sind oft weg. Aber Frauen haben die Chance, dass ein Zuhause in warmer Mutterhand ist. Selbst wenn ein noch so starker und dominanter Vater da ist, wird ein Kind dort immer Liebe und Verständnis finden. Deswegen glaube ich an die weib­liche Energie. Die wird die Welt auch in Zukunft retten. Wenn Männer das alleine regeln müssten, wäre es wahrscheinlich schon vorbei.