von Marinehistoriker Ivo Mechtel
Lange bevor ein gewisser Versicherungskonzern unserer Tage den Terminus „Vergnügungs- oder Lustreise“ in seinem ganz eigenen Sinne auslegte, nannte man so die Passage, welche wir heute als Kreuzfahrt bezeichnen. Jene perfekt durchorganisierten Reisen hatten ihren Ursprung wiederum in Hamburg, in den Büros von Albert Ballin. Nicht umsonst nannte man ihn selbst bei Cunard oder in Amerika „the Wunderkind“. Wie bei allen großen Transatlantikreedereien wurden auch bei der Hamburg-Amerika-Linie die Ozeanriesen im stürmischen Winter weit weniger für den Passagiertransport benötigt als in den wärmeren Jahreszeiten. Daher kam Ballin im Januar 1891 auf die seinerzeit völlig abwegig scheinende Idee, sein größtes, modernstes und luxuriösestes Schiff, die „Augusta Victoria“, auf eine reine „Vergnügungsreise“ rund ums Mittelmeer zu schicken – organisierte Landausflüge und eigene Bordzeitung eingeschlossen.
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Das Konzept der modernen Kreuzfahrt war damit geboren. Kaum jemand konnte sich damals vorstellen, dass man nur zum puren Vergnügen freiwillig eine Schiffsreise unternehmen würde, doch der überwältigende Erfolg ließ die Kritiker schlagartig verstummen. Zudem war die „Augusta Victoria“ wirklich ein Schiff, das man gerne für ein paar Wochen gegen sein eigentliches Zuhause eintauschte. Im Inneren schuf Johann Georg Poppe, der bekannteste Architekt des Historismus, ein wahrhaft schwimmendes Palasthotel. Geradezu ein Festival in Barock und Rokoko erwartete den staunenden Passagier, sobald er oder sie den Ozeanriesen betraten. Poppes Motto von der „Dekoration alles Dekorierbaren“ war bis in den letzten Winkel umgesetzt. Man sollte vergessen, dass man sich an Bord eines Schiffes befand, und die Vorzüge der großen Luxushotels in Berlin, Paris oder London genießen können. Lichtschächte versorgten die Innenräume mit natürlicher Beleuchtung, die Salons, Wandelgänge und Restaurants waren atemberaubend – ohne jede Frage ein Schiff zum Träumen.
Zudem war die „Augusta Victoria“ auch eines der sichersten und modernsten Schiffe ihrer Ära. Ihr Schottsystem war beispielgebend, vor allem aber besaß sie als dritter Ozeanliner auf der Welt überhaupt zwei Schiffsschrauben für den Antrieb. So war man bei Ausfall einer Maschine oder bei Schraubenbruch kein Spielball des Meeres mehr. Jenes Grundprinzip der Redundanz findet sich übrigens nebenbei gesagt bis heute in jedem Flugzeug.
Sicherheit, Komfort, nie gekannter Luxus und eine perfekte Organisation legten in jenem Winter 1891 den Grundstein der modernen Kreuzfahrt. Cunards Stärke im Verlauf von 180 Jahren Existenz war immer die Balance zwischen Bewährtem und Offenheit gegenüber Neuem.
So übernahm Cunard letztlich nicht nur das Konzept der Kreuzfahrt und den Luxus auf See, sondern fügte mit der regelmäßigen Weltreise ein besonderes Element hinzu, das heute nicht mehr wegzudenken ist. Auch in Zukunft wird diese Balance (hoffentlich) das Wesensmerkmal der Reederei bleiben und gerade auf dem momentan entstehenden Schiff, der Queen Anne, einen weiteren bleibenden Ausdruck finden.

