

Inger Klein Thorhauge stammt von den Färöerinseln. An ihre Kindheit hat sie nur die besten Erinnerungen. „Wir sind frei und doch beschützt aufgewachsen. Es gab keine Fabriken, keine Umweltverschmutzung, keine Kriminalität. Und das Wetter auf den Färöern ist vom Golfstrom geprägt, ohne harten Frost.“ Dass aus der kleinen Inger später einmal der erste weibliche Cunard Kapitän werden sollte, war nicht vorherzusehen. „Natürlich hat jeder auf den Färöerinseln einen Bezug zur Küste und dem Meer. Meine beiden Großväter sind etwas gesegelt, mein Vater ist Mechaniker und hat sich zum Chefmechaniker an Bord eines großen Fischtrawlers hochgearbeitet“, blickt Inger Klein Thorhauge zurück, „aber in unserer Familie gibt es keine große Seefahrer-Tradition.“ Sie selbst hatte zunächst auch gar nicht die Absicht, daran etwas zu ändern. „Ich wollte vor allem reisen! Aber wie jedes Kind von den Färöerinseln hatte ich die See im Blut und war es gewohnt, an Bord von Fährschiffen zu sein.“ – Und so griff sie den Vorschlag, als Kadettin erste Schiffserfahrungen zu sammeln, beherzt auf, ging für zweieinhalb Jahre von Cuxhaven aus mit der „Dana Hafnir“ auf Lehrfahrt.
Andere Schiffe folgten – bis Inger Klein Thorhauge irgendwann höhere Ziele hatte, mehr von der Welt sehen wollte. Da schrieb sie genau 18 Bewerbungen an die renommiertesten Reedereien. Die Cunard Line reagierte am schnellsten. Das Bewerbungsgespräch führte der damalige Commodore Warwick. Am Ende stellte er die alles entscheidende Frage: „Wann können Sie anfangen?“ Inger Klein Thorhauge ließ sich nicht lange bitten. „Einige Jahre Cunard, dann etwas anderes“, mit dieser Perspektive heuerte die Offizierin an – und blieb. „Ich bin immer noch da“, stellt Inger Klein Thorhauge lakonisch fest, „die Zeit, die Umstände und die Möglichkeiten haben mir die Entscheidung leicht gemacht.“
Im Dezember 2010 übertrug die Cunard Line ihr als erster Frau in der bis ins Jahr 1840 zurückreichenden Geschichte der Reederei das Kommando über ein Schiff. „Ich fühle mich geehrt und bin stolz, erster weiblicher Kapitän unter dieser so traditionsreichen Flagge zu sein“, beschreibt Inger Klein Thorhauge ihre Gefühle. „Das ist die höchste Position, die man erreichen kann – und ich habe es geschafft. I made it!“ Die erste „Kapitänin“ der Cunard Line führt meist das Kommando auf der Queen Victoria. Sie ist Chefin in einer klassischen Männerdomäne. Wie sie das erreicht hat? „Es ist alles eine Frage der Persönlichkeit“, ist sie überzeugt. „Wenn du wirklich Karriere machen möchtest und die entsprechenden Fähigkeiten mitbringst, dann kannst du alles erreichen – als Mann wie als Frau.“
Das Schlüsselwort lautet für sie: Respekt. „Wer andere nicht respektiert, wird auch nie respektiert werden. Aber gerade als Kapitän braucht man den Respekt seiner Crew. Deshalb ist es auch so wichtig, Respekt zu zeigen. Für jeden an Bord. Denn ich kann das Schiff nicht allein fahren. Ich brauche die ganze Crew – bis hin zu den Jungs, die das Geschirr waschen oder die Decks sauber machen. Ein Schiff wie die Queen Victoria funktioniert nur im Team!“
Gerade als Frau sei es wichtig zu zeigen, dass man Respekt verdiene. „Mir war in meiner Kadettenzeit früh bewusst, dass ich körperlich nicht so stark bin wie die Männer“, so Inger Klein Thorhauge. „Ich habe deshalb schon in meiner Kadettenzeit Arbeiten getauscht – und für besonders anstrengende Aufgaben dann besonders unbeliebte übernommen, zum Beispiel das Fetten der Rettungsbootseile.“ Gelebte weibliche Cleverness.
Und was denkt Inger Klein Thorhauge über den weiblichen Nachwuchs, der es ihr gleichtun könnte? „Ob Mädchen oder Jungen: Ich denke, dass es Kindern heute allgemein etwas zu leicht gemacht wird. Die bekommen alles, können überall hinreisen. Mein Vater hat noch gesagt: ‘du musst für dein Geld selbst sorgen. Und erst, wenn du etwas verdient hast, kannst du auch etwas ausgeben’.“ Inger Klein Thorhauge hat diesen Rat immer beherzigt. Mit größtmöglichem Erfolg.